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ehemals Württembergischer Verein zur Förderung der humanistischen Bildung e.V.

Donnerstag, 21. November 2019

We love Greta – or not?   Teil I

Greta Thunberg kehrt nach Europa zurück – mit einem Segelboot. Anfang Dezember soll sie auf dem Klima-Gipfel in Madrid erscheinen, um den Weltenlenkern ordentlich die Leviten zu lesen. Wird sie da die Weltöffentlichkeit erneut in Aufruhr versetzen, wie sie es mit ihrer fulminanten UNO-Rede im September tat?
Wie kaum jemand sonst fasziniert die junge Schwedin die Welt und spaltet die Gemüter: Etliche Menschen sehen in ihr eine engelhafte „Führerin“ einer angesagten Klima-Bewegung, eine „heilige Jungfrau“ gar oder zumindest eine aussichtsreiche Kandidatin für den nächsten Friedensnobelpreis. Manch andere neigen allerdings dazu, sie als eine „Hohepriesterin der neuen Klimareligion“ zu persiflieren.
Dabei hat die fragliche „Kultvorsteherin“ binnen kurzem etwas Entscheidendes bewirkt: Während bleierne Technokraten der europäischen Polit-Szene (cfr. Merkel, Juncker, Scholz etc.) den öffentlichen Diskurs praktisch zum Erliegen gebracht zu haben scheinen, demonstriert die junge Greta mit ihren geschliffenen, wohlgeordneten und durchaus auch provokativen Reden den grundlegenden Stellenwert der Rhetorik für eine lebhafte gesellschaftliche Auseinandersetzung. Höchste Zeit also für die Humanisten, den Grundfacetten ihrer durchdachten Eloquenz nachzuspüren und dabei auch einigen „kritischen“ Aspekten ihrer Beredsamkeit beizukommen.


Furie der modernen Klimapolitik
Greta Thunberg vor der UNO
Exordium

O tempora, o mores! Hat es je eine solch skurrile Szene in den Vereinten Nationen gegeben? Da trat ein junges Mädchen ans UNO-Rednerpult und feuerte – Tränen in den Augen und mit zitternder Stimme – eine hochexplosive Wutsalve gegen die versammelten Weltenlenker: „Sie  müssen böse sein, das ganze Ökosystem stirbt. Und Sie schauen da einfach weg, egal wie traurig und wütend ich bin! Ich sage Ihnen: diesen Verrat werden wir Ihnen nie verzeihen!“ – woraufhin die junge Rednerin ausgerechnet für ihr rhetorisches Sprenggeschoß artigen Applaus von all den world leaders erntete, die sie eben noch grimmigst attackiert hatte.

Wer kann denn schon der jungen Klimaaktivistin aus Schweden wirklich böse sein – oder nicht?
Umfragen in den westlichen Staaten scheinen allerdings zu belegen: der verwunderliche UNO-Auftritt von Greta Thunberg am 23. September 2019 sorgte augenscheinlich für einige Kontroversen.

Die Kunst der Worte: Greta Thunbergs „Professionalität“

Immerhin kann man von Ihrem rhetorischen Talent überaus beeindruckt sein. Da paßt nämlich alles – „elocutio“, „actio“,  „habitus“, „aptumetc. – ihre zugespitzte Formulierungskunst, ihre Vortragsart, äußeres Erscheinungsbild, empörte Mimik, feste Gestik, schriller Tonfall – all diese Facetten fügen sich ein in ein wirkungsvolles, durchdringendes Gesamtensemble, dessen Suggestivkraft man nicht mehr so leicht entrinnen kann.

Es ließen sich somit locker seitenlange Aufsätze darüber schreiben, was die Meisterrednerin Greta Thunberg so alles richtig macht, um aufzufallen. Ihre „Wunderkind-Karriere“ ist schlichtweg beeindruckend; man könnte sich fragen: Ist das ihr angeborenes Talent? Oder Ergebnis einer intensiven Schulung, finanziert von bemittelten Organisationen? Alles noch offene Fragen ...


Historische Vorlagen

Die rhetorischen Strukturelemente ihrer Reden entsprechen freilich nicht der üblichen Sprechweise einer Teenagerin; bei den kundigen Rezipienten mag ihre Art des Redens eine Art „Déjà-vu-Effekt hervorrufen. Denn etliche Wendungen und Formulierungen kommen einem aus historischen Quellen bekannt vor.

Exempli gratia: Greta Thunberg versteht es, in ihren Ansprachen eine klare „Freund-Feind-Konstellation“ aufzubauen – nach der Devise: „Wir stehen auf der richtigen Seite der schicksalhaften Umwälzungen,
Nikita S. Chruschtschow
(1894 - 1971)
Ihr aber seid dagegen und daher zum Untergang verdammt!“ sowie „diese Veränderungen werden bald mit voller Wucht anrücken und Euch treffen, egal ob Ihr wollt oder nicht!“ Wer sich beispielsweise in der Geschichte des sog. Sozia­lismus auskennt, kennt wohl auch diesen Topos aus der linken Revolutionsrhetorik.
So verkündete der damalige Sowjetchef Nikita S. Chruschtschow 1956 hochgemut dem liberalen Westen: „Die Geschichte ist auf unserer Seite, ob es Euch gefällt oder nicht: wir werden Euch begraben!“ – eine Rhetorik aus der Siegerperspektive. Tatsächlich schien damals der sog. Sozialismus überall auf der Welt auf dem Vormarsch zu sein: phobische Reaktionen grassierten in den kapitalistischen Staaten; die USA wurden seinerzeit von einer antikommunistischen Hysterie erfaßt – weshalb in der westlichen Öffentlich­keit die rhetorische Drohgebärde Chruschtschows (= Meister der sozialistischen Rhetorik) durchaus ihre politische Wirkung entfalten konnte. Auch Greta Thunbergs UNO-Rede läßt sich als eine Art revolutionäre Drohgebärde auffassen, die bezeichnenderweise mit den Worten abschließt: „The world is waking up. And change is coming, whether you like it or not!

Gut möglich, daß Gretas Redetechnik auch auf das kirchengeschichtliche Arsenal zurückgreift: erbauliche Predigten aus dem Refor­ma­tionslager sowie aus der alten katholischen Tradition scheinen den Duktus ihrer Reden mitzuprägen, was den moralischen Eifer, glühend-apodiktische Gewißheit sowie erbitterte Klarheit, für die richtige Sache zu kämpfen, in ihrem Vortrag besiegeln mag. Dies erklärt viel­leicht die reflexhafte Reaktion mancher Beobachter, die in Greta Thunberg vorgeblich eine rhetorisch bewanderte Anführerin eines „Kinderkreuzzugs“ sehen wollen. Und bei Klima-Protestanten verfängt augenscheinlich die mitunter sakrale Aura der Redekunst Thunbergs.

Schuld – Sühne – Vergebung“: dieser theologische Motivkomplex gibt in ihrer Argumentation immanent den Ton an. So auch bei Thunbergs UNO-Rede, in welcher übrigens das übliche Vokabular der Umwelt-Technokraten wie „long-term-effects“ oder „sustainability“ völlig ausbleibt. D.h.: ohne eine einzige Erwähnung von schier abgegriffenen Wendungen wie „Nachhaltigkeit“! Stattdessen ist da eine wuchtige Anklagerede voll moralischer Entrüstung zu vernehmen: „We will never forgive you!
Teilweise christlicher Herkunft ist wohl auch das Reden aus der Opferperspektive, mit der Thunberg die ganze Naivität der Jugend beansprucht: „You have stolen my dreams and my childhood with your empty words!“ – das rhetorische Opfer, macht- und wehrlos in seiner reinen Unschuld, mutiert über den ostentativen Kläger-Status letztlich zum moralischen Sieger. Eng verknüpft ist die Opferperspektive etwa mit dem Gestus der Überlegenheit. Greta versteht es meisterhaft, ihre Reden sowohl aus der unschuldigen Opfer-
wie auch aus der erwartungsvollen Siegerperspektive (s.o.) zu gestalten – in einer perfekten Mixtur, die ihre Wirkung nicht verfehlt.

Antike Quellen

Die hier umrissenen und sonstigen Topoi & Elemente der Greta-Rhetorik finden sich aber meist schon
M. Tullius Cicero (106 - 43 BCE)
in den Quellen der griechisch-römischen Antike: Man schlage in der „Topik“ des Aristoteles nach; oder man führe sich etliche Reden Ciceros wieder mal zu Gemüte; auch die Lehre der Stoffauffindung („inuentio“) und der Stoffgliederung („dispositio“) bspw. in „Rhetorica ad Herennium“ bietet so eini­ge aufschlußreiche Anknüpfungspunkte – in all den Quellen wird man nämlich viele Struktur­merk­ma­le finden, welche Greta in frisch modernisierte Formen umzusetzen weiß.

Gerade bei der vielbeachteten Ansprache, die Greta Thunberg vor der UNO-Versammlung im Sep­tem­ber 2019 hielt, können einem gewisse Ähnlichkeiten mit jener prominenten Rede Ciceros aus der An­ti­ke, namentlich: „M. Tulli Ciceronis oratio prima in Catilinam“ (63 BCE; kurz: „In Catilinam“), durchaus in die Augen fallen.

Derlei Affinitäten mögen auch der Grund sein, daß eben diese UNO-Rede so beeindruckend scharf, eindringlich und wuchtig daherkommt. So stellt Greta Thunberg vor versammelter Menge in den Vereinten Nationen eindrücklich fest (die längeren Passagen erlaube ich mir in übersetzter Form zu zitieren):
Ich überbringe Ihnen die Nachricht: Wir werden Sie genau beobachten. All das hier ist falsch. (...) Die Menschen leiden, die Menschen sterben, und die Ökosysteme brechen zusammen. Wir stehen am Anfang eines Massenaussterbens, und alles, worüber Sie zu reden wissen, ist: Geld und Märchen vom ewigen Wirtschaftswachstum. Wie können Sie es wagen? Seit über 30 Jahren sind die Ergebnisse der Wissenschaft kristallklar. Wie können Sie es wagen, immer noch wegzuschauen und hier zu erscheinen und zu sagen, daß Sie genug tun, wenn die politischen Entscheidungen, die fällig wären, und die bitter nötigen Lösungen noch nirgendwo abzusehen sind? Sie sagen, Sie würden uns hören und daß Sie verstehen, wie dringlich die Lage ist. Aber ganz egal, wie traurig und wütend ich bin, ich will nicht glauben, daß Sie wirklich verstanden haben: Denn wenn Sie wirklich verstanden hätten, wie ernst die Lage ist, und sich immer noch weigern zu handeln, dann wären Sie böse. Und ich weigere mich, das zu glauben!“ 

Rhetorische Finessen – im Abgleich mit Ciceros „In Catilinam

And that I refuse to believe!“ – etwas vorgeblich nicht zu tun, obwohl es so naheliegend wäre, es zu tun, womit die darin implizierte Aussage umso wirkungsvoller übermittelt wird: das ist eine rhetorisch überaus raffinierte Technik, die wir schon seit dem Altertum kennen: „quoniam id, quod est primum et quod huius imperii ... proprium est, facere nondum audeo ... (da ich nun das, was als erstes ganz naheliegt und aufgrund meiner Amtsbefugnis ... auch durchaus geboten wäre, noch nicht zu tun wage ... [nämlich den hiermit angesprochenen Gegner, i.e. Catilina, zu töten])“, so baute einst der römische Konsul Marcus Tullius Cicero (63 BCE) in seiner Rede gegen Lucius Sergius Catilina („In Catilinam“) seine Drohkulisse gegen seinen ebengenannten Widersacher auf, indem er sie scheinbar abschwächte („facere nondum audeo“), in Wirklichkeit aber dadurch umso wirksamer in den Vordergrund stellte.

„Ich weigere mich, es zu glauben (… obwohl es so glaubhaft ist)“, „ich wage noch nicht, es zu tun (… ziehe es aber durchaus in Betracht)“, „nichts läge mir eigentlich ferner als … (… sehe mich aber bald dazu gezwungen)“ etc. – das sind alles althergebrachte, effektive Wendungen, mittels derer man implizite Aussagen geschickt in einer Rede plazieren kann.

Es sind aber in der UNO-Rede Greta Thunbergs nicht bloß die einzelnen rhetorischen Finessen, die an „In Catilinam“ erinnern. Entscheidend sind auch die Bilder und Motive, die dort zum Einsatz kommen wie z. B.: das Motiv der zaghaften „Selbstzufriedenheit“ bzw.  des feigen „Wegschauens“; die Drohgebärde derumfassenden Beobachtung“, die den Gegner zur Umkehr zwingen soll; die „Totalität“ des Vergehens („This is all wrong!“), was der Gegner zu verantworten hat; der durchdringende Perspektivenwechsel („wir“ <–> „ich“). Überhaupt der grundlegende Duktus der Greta-Rede läßt einen ständig an „In Catilinam“ denken – frei nach dem Motto: „Wie können Sie es wagen, unsere Geduld immer noch zu mißbrauchen?“ Vielleicht ist die kleine Greta ja die weibliche Wiedergeburt Ciceros ...

Rhetorisch wirksame „Motive“

Das Motiv der feigen Selbstgenügsamkeit entfaltet dann seine Wirkung, wenn es mit dem Vorwurf des Selbstbetrugs einhergeht: Daß die bösen Erwachsenen sich nur vorgaukeln, „genug zu machen, wenn doch die nötigen
Wer betrügt sich nicht selbst gerne?
Lö­sungen immer noch ausbleiben“, ist ja das Grundanliegen Greta Thunbergs: „How dare you con­tinue to look away and come here saying that you're doing enough ...
Entsprechendes auch bei Cicero: Hat der römische Konsul einst in seiner Senatsrede „In Cati­li­nam“ nicht auch die Bequemlichkeit des Publikums beklagt: „Nos autem ‚fortes uiri‘ satis­facere rei publicae uidemur, si istius furorem ac tela uitemus (Wir ‚starken Männer‘ bilden uns ein, der Gemeinschaft schon Genüge zu tun, wenn wir nur der Aufregung und den Angriffen dieses Man­nes entgehen)“ – und das, kurz nachdem er das Kommen seines Gegenspielers mißbilligend zur Kenntnis genommen hatte: „Immo uero in senatum uenit ... (Und dieser Typ [scil. Catilina] wagt hier noch, in den Senat zu kommen ...)“? Cicero lenkt so den Blick des Publikums darauf, wie sehr in diesem Augenblick alles in der Schwebe hängt: „Was tun wir Selbstgefälligen denn hier ange­sichts unserer akuten Gefahr?“ 
Die Gedankenelemente „come here“ und „saying ... doing enough“ werden von Greta Thunberg gewissermaßen dem ciceronischen Muster entsprechend kombiniert, indem sie übrigens ihr Publikum mit der Rolle ihres Gegenspielers identifiziert – gemäß dem Motto: „Was tun Sie Selbstgefälligen denn hier und jetzt?“ Denn die Lage ist ja, wie Thunberg vermeldet, erdrückend ernst.

Macht des „Argwohns“ – Stigmatisierung des „Feindes“


Ciceronische
„We will never forgive you!“
Raffinesse in der Redegestaltung beweist Greta Thunberg, indem sie den Vorwurf der Untätigkeit mit einem wirkungsvollen Gedankenmuster zu verknüpfen weiß: „Sie lassen uns im Stich, aber die Jugend fängt an zu begreifen, wie schwerwiegend Ihr Verrat („your betrayal“) ist“ – diese Art der Stigmatisierung ist eine sehr starke, durchgreifende Ansage, denn der Mensch ist empfänglich für solch martialisches, moralisch aufgeladenes „Freund-Feind“-Denken. „Die Augen aller künftigen Generationen sind auf Sie gerichtet“ (= rhetorische Übertreibung), fährt Thunberg schonungslos fort: „Wenn Sie uns erneut im Stich lassen, so sage ich: Wir werden Ihnen das nie verzeihen. Wir werden Sie damit nicht davonkommen lassen. Hier und jetzt ist der Punkt gekommen, an dem wir die Grenze ziehen. Die Welt wacht auf und Veränderung ist auf dem Weg, ob Sie es wollen oder nicht.“ „The eyes of all future generations are upon you“ – mit dem skeptischen Motiv der „umfassenden Bewachung“, das die gesamte Rede gleichsam einschließt, wird das moralisch konnotierte „Freund-Feind“-Schema wesentlich verstärkt.

My message is that we'll be watching you“ – so auch der argwöhnische Beginn ihrer UNO-Rede, deren unerbittlicher Schlußteil in durchstilisierter Form (Gesetz der wachsenden Glieder, asyndetische Parataxe, Parallelismus, Anapher etc.) schlagkräftig eingeläutet wird wie folgt: „I say: We will never forgive you. We will not let you get away with this ...Zwei Perspektiven („ich“ und „wir“) verknüpfen sich hier auf eine effektive Weise, die ihrem Anliegen einerseits den Eindruck einer persönlichen Betroffenheit sowie andererseits das Gewicht der allgemeinen Dringlichkeit beilegt. Ferner: „I say: We will …“ – mit dieser unmittelbaren Verbindung unterstreicht die Rednerin („Ich sage: …“) kurzerhand noch ihren Repräsentations-Anspruch („Wir werden …“), bezogen auf das große Kollektiv („all future generations“), in dessen Namen sie zu sprechen vorgibt. Schließlich ist die kleine Greta ja auch „unsere“ große Klima-Führerin! (Zumindest in der Wahrnehmung etlicher Junggebliebenen u.a. …)

Umfassende Bewachung: fixierende Droh- und Machtgeste

Die wuchtige
„Quo usque tandem ...?“
Gedankenfigur, welche die Greta-Ansprache umrahmt und den Gegenpart rhetorisch in die Enge treiben soll: „Wir beobachten Euch ganz genau und wissen alles, was Ihr im Schilde führt, Verräter! – und Ihr werdet nicht einfach davonkommen – egal ob Ihr wollt oder nicht – denn Widerstand ist zwecklos ...“ sollte uns ebenfalls aus der oben erwähnten Rede „In Catilinam“ irgendwie bekannt vorkommen. Hier einige Kostproben aus dieser historischen Rede:

... nihil horum ora uultusque mouerunt? patere tua consilia non sentis? constrictam iam horum omnium scientia teneri coniurationem tuam uides? ... quem nostrum ignorare arbitraris? (Erschütterten dich gar nicht die Mienen und Blicke der Anwesenden? Spürst du nicht, daß deine Pläne schon offen und greifbar für alle geworden sind? Blickst du denn nicht, wie deine Verschwörung durch die Einsicht all dieser Leute längst gefesselt und geknebelt ist? … Was glaubst du, wer von uns wüßte das alles nicht?)“

Der Eindruck allgemeinen Beobachtetwerdens, der im Bewußtsein des Gegenspielers entstehen soll, wird am Redeanfang noch aus der „Wir“-Perspektive übermittelt, späterhin wechselt sich die Perspektive („wir“ –> „ich“), wenn die Tonalität noch „persönlicher“ und bissiger wird:

luce sunt clariora nobis tua consilia omnia (Ist uns ja alles sonnenklar, was du da im Schilde führst!) ....
nihil agis, nihil moliris, nihil cogitas, quod non ego non modo audiam, sed etiam uideam planeque sentiam
(Nichts kannst du tun, nichts dir vornehmen, auf nichts mehr sinnen, was ich nicht schon hörte, ja sogar sähe und völlig durchschaute) ...“

Derartig in die Enge getrieben, kann es für den Gegenspieler Ciceros keinen Ausweg mehr geben; übrig bliebe für ihn bloß die reuige Umkehr:

etenim quid est, quod iam amplius exspectes ...? (Was hast du denn überhaupt noch zu erwarten ...?) ...
muta iam istam mentem! (Ändere schleunigst deine wirre Gesinnung!)“

Für Catilina, somit erklärtermaßen „handlungsunfähig“ („nihil adsequeris“), kann es also nur noch ungemütlich werden, weshalb dessen Widerstand fraglos zwecklos sein dürfte:

potestne haec lux, Catilina, aut huius caeli spiritus esse iucundus, cum scias esse neminem, qui nesciat [...] (Kann dir, Catilina, dieses Sonnenlicht oder das ganze ‚Klima‘ hier noch angenehm sein, da dir doch ohnehin klar sein sollte, daß alle [dein Treiben] schon durchschaut haben) ...
nihil agis, nihil adsequeris, neque tamen conari [...] desistis (Nichts schaffst du, nichts erreichst du, dennoch hörst du mit dem Unfug nicht auf)“ etc.

Das Motiv der zu verantwortenden „Totalität“


Der Kunst einer aggressiven Brandrede entsprechend, vergißt Cicero auch nicht, die „Totalität“ der Gefährdung zu benennen, die sein Gegenspieler angeblich zu verantworten hat:
Nunc iam aperte rem publicam uniuersam petis; templa deorum immortalium, tecta urbis, uitam omnium ciuium, Italiam totam ad exitium et uastitatem uocas! (Nun nimmst du gleich offen den ganzen Staat ins Visier; die Tempel der unsterblichen Götter, die Häuser der Stadt, das Leben aller Bürger – kurz: ganz Italien drohst du mit deinem Tun zu verderben und zu verwüsten!)“

In jener vielbeachteten UNO-Rede der schwedischen Umweltaktivistin ging es nicht etwa um den totalen Untergang Italiens, sondern vielmehr um den der ganzen Welt: „People are suffering. People are dying. Entire ecosystems are collapsing!“ – man hört dort ein rhythmisches Trikolon erklingen, eine wirkungsvolle Klimax überdies, die ein globales Katastrophenszenario apokalyptischen Ausmaßes einleitet, diskret gekoppelt mit moralischem Tadel an der stupiden Engstirnigkeit und Gier der ganz bösen Kapitalisten: „We are in the beginning of a mass extinction and all you can talk about is money and fairy tales of eternal economic growth. How dare you!“ Die geschickte Verknüpfung von Begriffen mit moralischen Assoziationen („Gier und Lust nach mehr Geld“ u.a.) wird übrigens auch in der antiken Lehre der Stoffauffindung und der Stoffgliederung (vgl. „Rhetorica ad Herennium“) bestens beschrieben. (Nota bene: „in the beginning“ klingt biblisch-sakraler als „at the beginning“; die Wortwahl „eternal” wirkt auch nicht profan. Vgl. außerdem die alliterativen Verknüpfungen wie „eternal“ + „economic“, „mass …“ + „moneyet al.)

Greta Thunberg, deren Anliegen freilich sich nicht auf ganz Italien reduzieren läßt, formuliert ihre Reden immerhin weniger langatmig als ihr römischer Vorgänger; denn sie weiß sich auf nur einen wichtigen Gefahrenpunkt globalen Ausmaßes zu konzentrieren: die Klimaerhitzung.

Greta stellt die „Gretchen-Frage“

Wie hältst du's mit dem globalen CO2-Ausstoß?“ lautet nämlich
„Quo uadis, Greta?“
die moderne Gretchen-Frage, welche die schwedische Jung-Aktivistin immer geradlinig und aggressiv zu vermitteln weiß: „Wenn Sie zu der kleinen Gruppe von Menschen gehören, die sich von uns bedroht füh­len, dann habe ich sehr schlechte Nachrichten für Sie, denn das hier ist nur der Anfang ...“, denn „wir sind eine Welle der Veränderung. Zusammen sind wir nicht aufzuhalten ... ob Sie es wollen oder nicht ...“, stellte die revolutionäre Greta bereits vor ihrer UNO-Rede schon mal fest.

Gretas Rhetorik: „schwach“ oder „stark“?

Wir, die große starke Masse, gegen Euch in der Minderheit“ – das ist das eindrucksvolle Mus­ter, welches bei Greta Thunberg stets zur Anwendung kommt und rhetorisch sehr effektiv im Sinne der Massenmobilisierung funktioniert. Es ist eine Rhetorik, die zunehmend die zuge­spitz­te Klima-Debatte in der Allgemeinheit entscheidend mitprägt. So notwendig und wirkungsvoll eine solche Zuspitzung für mancherlei Auseinander­setzungen auch sein mag: Gerade diese Art von „Stärke“ kann sich aber auch, langfristig gesehen, als eine tückische „Schwäche“ erweisen.

Wo aber liegt denn der Schwachpunkt? Gibt es darauf adäquate humanistische Antworten? 

(Fortsetzung folgt: Teil II.)

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