alter Titel

ehemals Württembergischer Verein zur Förderung der humanistischen Bildung e.V.

Mittwoch, 16. März 2016

Diskussionen in der Kirche - überflüssig oder notwendig?



In den Medien werden zurzeit für uns alle - sei es zur Freude, sei es zum Verdruss - viele schockierende und alarmierende Informationen zum gegenwärtigen Flüchtlingselend geschildert. Vielleicht erinnern Sie sich noch dunkel an Berichte vor dem “Sommerloch”. Viele Zeitungen brachten vor Monaten folgende Überschriften: “Kirchen schrumpfen auch im Südwesten” oder “Deutschlands schwindendes Christentum in Zahlen”. Da wurde etwa sensationell berichtet, dass die Zahl der Kirchenmitglieder bundesweit in den katholischen Diözesen einen Rückgang von ca. 230.000 Gläubigen, bei den evangelischen Landeskirchen sogar um ca. 410.000 Personen Ende 2015 zu erwarten seien.

Was sind denn die Gründe dafür? Vielleicht die Irritationen beim neuen Einzugsverfahren von Kirchensteuern auf Kapitalerträge? Oder weitere Unzufriedenheit bei Missbrauchsfällen von Heranwachsenden? Oder vielleicht das schwindende Vertrauen beim sog. Bodenpersonal der Kirchen? Und dies, obwohl sich der neue Papst Franziskus bei vielen Menschen großer Beliebtheit erfreut! Verwirrend ist zudem, dass bei kirchlichen Steuerschätzungen sogar die Einkünfte beider Kirchen bei schwindenden Mitgliederzahlen, wegen der guten Wirtschaftsentwicklung, noch steigen!

Warum diese Aufregung in den Medien, frage ich mich. Da ich in unserem “Württembergischen Verein zur Förderung der humanistischen Bildung e.V.” seit 1976 bei wechselnden Vorständen als sog. Vertreter der evang. Landeskirche tätig bin, verwundern mich diese Diskussionen sehr. Als Schreiber dieser Zeilen möchte ich Ihnen etwas kurz erzählen: 1975 wurde ich vom damaligen Vorstandsmitglied Dr. Schütt vom Oberschulamt Stuttgart aufgefordert, in unserem Verein mitzuarbeiten. Ich kam als evang. Theologe in das Schulreferat des OKR, weil damals die sog. Oberstufenreform für die Gymnasien mit dem neuen Abitur eingeführt werden sollte. Dr. Schütt und ich als Vertreter des Schulreferates mussten außerdem den Zugang zu einer Freistelle im Evang. Stift in Tübingen neu organisieren (Konkursprüfung). Ferner wurden durch die kommenden Studien-Reformen an den Universitäten, auch für das Fach Theologie, Sprachprüfungen nötig. Es sollten weiterhin die alten Sprachen (Hebräisch, Griechisch und Latein) verpflichtend sein.

Mir erscheinen diese Diskussionen über Strukturen und über Finanzen in der letzten Zeit nicht sinnlos oder falsch. Sie gehen aber häufig an den wirklich wichtigen und inhaltlich bedeutenden Fragen einer Kirche vorbei. Viel wichtiger sind die theologischen Streitpunkte, die oft unerledigt liegen gelassen werden. Dann sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Dann wird übersehen, dass zurzeit ein heftiger Streit an der Universität in Berlin begonnen hat, wo es um die Gewichtung der Hebräischen Bibel (Altes Testament) für die Schriftauslegung eines evangelischen Theologen geht. Welche Texte des Alten Testaments sind nun bei der Auslegung im Gottesdienst verbindlich? Welche Texte kann man übergehen oder sogar als missverständlich beiseite lassen. Es geht um die Frage, um den sog. “Kanon”, die Richtschnur für den christlichen Glauben.

Nach Zeiten des sog. “Kirchenkampfes”, den die Kirchen während der Herrschaft des Dritten Reiches zu führen genötigt waren, kehren nun wieder die alten, vermeintlich “erledigten” Themen des Kulturprotestantismus wieder. Ein Theologe wie Karl Barth, hatte 1934 bei der “Theologischen Erklärung von Barmen” die Fehler des Liberalismus bekämpft. Diese werden jetzt erneut akut. Der Berliner Systematiker Notger Slenczka beruft sich auf den Kirchenhistoriker Adolf von Harnack und möchte die bisherige Gültigkeit des Kanons relativieren. Seine Frage lautet: “Gehört das ganze Alte Testament weiterhin zur verbindlichen Sammlung biblischer Schriften?” Oder müsste man nicht innerhalb dieser Sammlung eine deutliche Auswahl erarbeiten, damit die Botschaft des evangelisch verstandenen Glaubens deutlicher wird. Es ist nicht zu leugnen, dass weite Teile des Alten Testaments für das heutige Glaubensverständnis, zumindest missverständlich sein kann (z.B. Rachepsalmen oder Bräuche der jüdischen Frömmigkeit). Aber wo liegen nun die Grenzen, wo ein alttestamentarischer Text verbindlich ist und wo nicht? Die Bedeutung des Alten Testaments als “Heilige Schrift” ist in dieser Debatte noch nicht ausreichen geklärt, denn es ist ja für einen Christen nicht zu leugnen und auch nicht für einen Juden, dass der Jude Jesus von Nazareth in der jüdischen Tradition aufgewachsen und auch darin gelebt hat. Wir können nicht leugnen, dass Jesus von Nazareth zum jüdischen Volk gehört hat, sich aber auch in vieler Hinsicht von bestimmten Traditionen des Judentums gelöst hat. Auch wenn für eine christliche Kirche die Hebräische Bibel als eine Art “Sprachschatz” bei der Auslegung und Formulierung des christlichen Glaubens eine bedeutende Rolle gespielt hat, sind die Fragen zwischen Christentum und Judentum nicht einfach zu harmonisieren, sondern zu klären.

Wenn christlicher Glaube auch ein denkender Glaube ist, ist ein reflektiertes
Schriftverständnis für einen evangelischen Theologen unumgänglich. Diese Reflexion ist unbedingt nötig. Die eingangs erwähnten Diskussionen werden dann eigentlich überflüssig, wenn sie zur Hauptsache in einer Kirche werden.
Dietrich Elsner

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