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ehemals Württembergischer Verein zur Förderung der humanistischen Bildung e.V.

Freitag, 30. Oktober 2015

So fein ist Latein! – Humanistische Spaziergänge I (Teil 2)

„Unser neuer Autor aus Japan stellt sich vor“: Gleich in seinem ersten lat. Artikel vom 23.10. 15, der berühmten Praefatio des T. Livius teils nachempfunden, präsentierte der Japaner überraschende Erkenntnisse zum lat. Prosarhythmus – nun erscheint der Aufsatz in deutscher Übersetzung, vom Autor noch um eine einleitende u. eine abrundende Bemerkung (Exordium & Additamentum) erweitert.  Hier geht es zum feinen lat. Orignal.

Exordium:
Darf ich mich vorstellen: Mein Name ist Paul Masanobu Wakai; wobei mein erst genannter Name ein christlicher Taufname zum Angedenken jenes Apostels ist, der aus einem Saulus ein Paulus geworden sein soll, während der zweite

Vorname, ins Deutsche übertragen, „elegant und zuverlässig“ bedeuten soll, was allerdings überhaupt nicht den Tatsachen, sondern viel eher dem ursprünglichen Wunsche meiner Eltern entspringt. Der Nachname „Wakai“ hat die Bedeutung „Jungbrunnen“, weshalb mir meine jap. Lateinlehrerin informell auf den Namen „Viridiputeus“ getauft hat, als wir uns mal anschickten, gemeinsam irgendeinen lateinischen Artikel zu verfassen. Das ist aber jetzt schon lange her, und mittlerweile komme ich selber in die Verlegenheit (nach dem Motto: „docendo discimus“ – „Selbst lehren hilft selber lernen“), anderen Interessierten die feinen Attraktionen des humanistischen Abendlandes beibringen zu dürfen. „Latinitas in Iaponia?“ Ja, man mag es weder fassen noch glauben, aber tatsächlich gibt es in Japan eine vitale Szene von Latein-Liebhaberinnen und Liebhabern, über die ich hier gerne mal berichten werde. Auch andere Inhalte im Zusammenhang mit dem internationalen Großthema „Humanismus“ werden hier zum Zuge kommen – vornehmlich aus dem Blickwinkel außerhalb des sogenannten christlichen Abendlands. Übrigens, da ich kein deutscher Muttersprachler bin, kann es durchaus auch passieren, dass ich mich in mancherlei Formulierungen verhaspele, wofür ich die geneigte Leserschaft lieber jetzt schon um Verständnis bitten möchte. Diesen Artikel habe ich übrigens zunächst mal in lateinischer Sprache verfasst, die mir in einigen Facetten vielleicht sogar einfacher erscheinen mag als das deutsche Idiom. Nota bene: Die überaus knifflige deutsche Sprache stellt für jeden Nicht-Muttersprachler eine Herausforderung sondergleichen dar, während hingegen das schlichte, klare Latein wohl hinsichtlich der linguistischen Verflochtenheit ein recht überschaubares Terrain zu sein scheint! Das lateinische Original dieses Artikels ist bereits am 23. Oktober dieses Jahres  hier veröffentlicht worden in der Aussicht, dass manch humanistisch orientierte Leserinnen und Leser ihre Freude daran haben könnten, die parodistischen Merkmale des Wortlautes zu identifizieren oder gar die darin enthaltene rhythmische Anmut und Wohlgestalt des Lateins zu kosten.

In medias res:
„Werde ich da etwas ausrichten, was dem Aufwand gerecht wird?“, diese kritische Frage überkam mich anfangs angesichts der überaus zusagenden Offerte seitens des Württembergischen Vereins zur Förderung der humanistischen Bildung e.V., ob ich nicht als fernöstlicher Gastautor, in Japan geboren und als Stammgast auch gerne mal im humanistischen Abendland unterwegs, für die Internetpräsenz der namentlichen Vereinigung etwas über den Reiz und die Attraktivität des Humanismus und vor allem über die überregionale Strahlkraft der lateinischen Sprache, die sich also mitnichten auf das europäische Gefilde beschränkt, schreiben könnte. Allerdings: Kann es denn nicht sein, dass es sich hier ohnehin um ein altes, eingefahrenes Gebiet handelt, auf dem bereits die gelehrtesten und qualifiziertesten Personen unentwegt darauf erpicht sind, entweder erneut sachdienliche Partikular-Erkenntnisse aus wissenschaftlichen Teilgebieten zu präsentieren oder der altehrwürdig verstaubten Traditionsdisziplin mit neumodisch aufbereiteten Vermittlungsmethoden zum frischen, unübertrefflichen Glanz zu verhelfen?

Die ganze abendländische humanistische Tradition hat ja im Zuge der langjährigen Geschichte ein solch aufwendiges Ausmaß an Größe angenommen, dass sie scheinbar selber schier unter ihrem Übergewicht zu leiden droht. Schlechterdings könnten also gar nicht mal wenige der akademisch Interessierten namentlich aus der jüngeren Generation in Wirklichkeit den Eindruck gewonnen haben, dass dieser altertümliche, bereits vielseitig in Beschlag genommene, verstaubte Komplex ihnen immer weniger noch Lust und Spaß bereiten mag, dass es sie infolgedessen eher schnurstracks zu den zeitgenössisch-aktuellen Sphären zieht, wo sie seit jeher der Laune des Augenblicks in nie verwelkender Jugendfrische zu frönen vermeinen.

Aber wie auch immer solche und vergleichbare Sachverhalte wahrgenommen und eingeschätzt werden, so lasse ich das Thema bis auf weiteres noch dahingestellt.
Indessen: Fernab von altbewährten, anspruchsvollen Problemen und Blickwinkeln, mit welchen sich unsere KollegInnen seit Jahren schon beschäftigen, sollte es immerhin in meinen kommenden Blog-Beiträgen vorwiegend um heitere und lockere Inhalte gehen wie: „Sinnlich stimulierender Reiz der Latinität“ oder „der internationale Spaßfaktor des Humanismus“ oder „Latein und die japanische Fernseh-Kultur“ etc.; und so etwas klappt übrigens dann am besten, wenn man sich mit den sinnlich-rhythmischen, d.h. lebensfrohen Facetten der antiken Spracherzeugnisse ein wenig auch vertraut gemacht hat.

Lauter erfrischende, fruchtbringende Entdeckungen hierzu wird es auch und gerade dann geben, wenn man seine lautere Aufmerksamkeit wohlgemut auf die sinnlichen Facetten eines Textes richtet, den man am besten laut und klar vernehmlich deklamieren sollte wie zum Beispiel (s.u. Video-Stream, ab Minute 3:20): „Quae ante conditam condendamue urbem poeticis magis decora fabulis quam incorruptis rerum gestarum monumentis traduntur … (aus: T. Livius „Ab urbe condita“, 1 praefatio 6)“ (Das, was aus den Zeiten vor der Gründung der Stadt bzw. überhaupt noch vor einer Anbahnung ihrer Gründung mehr in anmutig-charmanter Form von Fantasy-Stories als in authentischen historischen Aufzeichnungen überliefert wird …). Volltönend, lebhaft und rhythmisch vorgetragen, bemerkt man gleich eine deutlich-symmetrische Zweiteilung innerhalb des Satzgefüges, quasi mit je sechs metrischen Hebungen versehen: Die erste auffallende Hälfte „poéticís magís decóra fábulís“ („mehr in dichterisch-anmutiger Form von Fantasy-Stories“) weist durchweg einen heiter hüpfenden, jambischen Rhythmus auf, während der entgegengesetzt erscheinende folgende Teil „qu(am) íncorrúptis rérum géstarúm monuméntis“ („als in authentischen historischen Aufzeichnungen“) vollends gravitätisch im Takt-Schema gleichsam eines Hexameters daherkommt. Interessant auch, dass der dem jambischen Part vorausgehende Einleitungs-passus erst einmal den Takt verlangsamt („… condendamue urbem“) – mit der Wirkung, dass der klangliche Reiz des nachfolgenden jambischen Metrums („poéticís ...“) umso effektvoller zum Tragen kommt.  (Vgl. Beginn ebendieses Proömiums, dessen waschechter Hexameter-Sound vielen, zumal durch einen Verweis von Quintilian (Inst. 9, 4, 74), aufgefallen sein dürfte: „Fácturúsne operaé pretiúm sim ...”) „Fantasy-Story“ vs. „historische Dokumente“ sowie „heiter“ vs. „gravitätisch“ im Sinne einer Trennung von „Mythos“ und „Geschichte“ – der inhaltliche Gegensatz macht sich hier auf eine raffinierte Weise auch rhythmisch deutlich bemerkbar, was die Livius-Kommentatoren bisher leider zu übersehen schienen. Leben, Finesse, Witz, Ironie, Humor, tiefe Reflexion etc.: all diese aufschlussreichen Facetten vermögen wir wahrlich mühelos zu entdecken, wenn wir uns endlich von unserer bierernst-bürokratischen Umgangsweise mit antiken Texterzeugnissen, welche leider normalerweise aus pedantisch-schablonenhaften, einseitig formalbildenden Übersetzungs-Runden im stillen Kämmerlein besteht, vollends verabschiedet haben: Einfach laut, deutlich und ordentlich schwungvoll mit beat & drive vorlesen, am besten auch noch in altehrwürdiger toga verkleidet – und schon bekommen wir in bester spätrömischer Dekadenz ein gewisses Feeling dafür, wie das mit dem sog. Prosarhythmus funktioniert haben mag. Übrigens birgt dieser lebensfrohe humanistische Ansatz in sich auch eine Möglichkeit zur Veredelung unserer üblichen Sprachkultur. Dieser feine, nicht unwesentliche Aspekt der „Kultivierung“ sollte mitunter auch den Tenor einiger kommender Beiträge bilden. (Schließlich sollte es doch überhaupt keinen Humanisten kalt lassen, was wir sowohl der Menschheitsgeschichte entnehmen als auch insbesondere in unserer Gesellschaft sowie im aktuellen tagespolitischen Umfeld leider noch beobachten können: Auf die Verrohung des Denkens und der Sprache folgt die rohe, abgründige Gewalt.)

Natürlich mag der Autor bei solcherlei diffizilen Themensetzungen nun mal nicht ganz frei von mancher Sorge sein, die den Geist des Schreibenden wenn auch nicht vollends von seinem Sujet ablenken, so doch vielleicht in einen regen Spannungszustand versetzen kann.


Conclusio:
Wie es auch kommen mag, es wird hoffentlich, so wie mir, auch der gewogenen Leserschaft einiges Vergnügen bereiten, wenn ich nach Möglichkeit auch selbst mit zur anschaulichen Übersicht der internationalen Bedeutung der „humanitas“ ein wenig beitragen darf.

Additamentum:

Quod erat demonstrandum. Weitere Beiträge (vornehmlich in deutscher Sprache; es sei denn, jemand spricht den Wunsch aus, auch mal in lateinischen oder gar japanischen Sätzen schmökern zu wollen!?!) werden demnächst folgen. Zu welchem Thema? Die geneigte Leserschaft möge sich in dieser Frage gerne noch überraschen lassen!
Zu guter Letzt:
Für ein gutes Gelingen des Vorhabens verbleibt es mir noch, nach altrömischer Art den Wunsch zu äußern: „Quod bonum, faustum, felix fortunatumque esset!” (Möge es gut, günstig, glücklich und gedeihlich sein.) 

Hier die Audio-Sequenz des lat. Originals:

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