alter Titel

ehemals Württembergischer Verein zur Förderung der humanistischen Bildung e.V.

Freitag, 15. Januar 2016

Neujahrsgrüße aus dem Morgenland ・Humanistische Spaziergänge III (a)

Nouo ineunte anno: Fausta uobis felixque faueat fortuna!“ – „Ein frohes Jahr wünsche ich Euch!“ Auch am anderen Ende der Welt, wo die Sonne – ganz im Gegensatz zum Abendland – anhaltend aufzugehen pflegt, kennt man seit Jahrhunderten diese besondere Art der Kommunikation – Grußnachrichten in lateinischer Sprache zum Neujahr und sonstigen festlichen Anlässen: auch außerhalb des sogenannten christlichen Abendlandes ein probates Mittel zur Vertiefung der Völkerverständigung. Als Beispiel lernen wir heute ein wenig von der Situation in einem Land kennen, das nicht entfernter von diesem Abendland sein kann: Japan.  (Teil 1.; Teil 2: hier


I. Zur Einführung
East is East and West is West, and never the twain shall meet“, schrieb einstmals ein prominenter Dichter des British Empire, Rudyard Kipling (1865 - 1936), als hätten der Westen und der Osten stets abgetrennt voneinander existiert: Will man da eine unüberbrückbare Kluft ausmachen, welche unentrinnbar zwischen diesen beiden Sphären ewig fortzubestehen nicht umhinkommt? Die gute, alte Bibel mag uns da vielleicht eines Besseren belehren: „Ἰδοὺ μάγοι ἀπὸ ἀνατολῶν παρεγένοντο …“ („Siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland …“, Matthäus 2,1). Und siehe, die Humanisten wussten es nämlich auch ohne Bibel schon immer besser: „Ex oriente lux.“ Doch vergessen wir dabei nicht, dass der ganze interkulturelle Austausch seit jeher auf bidirektionalem Wege verlief: Ebenso wie allenthalben auf dem Felde der hellenistischen Kultur Einflüsse aus dem Osten zu verzeichnen waren, reichte die Strahlkraft der griechischen Kultur bis tief in die östlichen Gefilde hinein. So inspirierte vor 2000 Jahren im fernen Indien der hellenistische Kultureinfluss (Stichwort: „Gandhāra-Kunst“)
Buddhisten, bei denen es ursprünglich verpönt war, zu Verehrungszwecken irgendwelche Bildnisse anzufertigen, zur Schaffung der ersten Buddha-Statuen. Diese Formen hellenisierten Kulturgutes (cfr. „Mahayana-Buddhismus“) breiteten sich wiederum in China und anderen Regionen des sog. fernen Ostens aus. Als im Zuge des sechsten Jahrhunderts (spätestens 538 n.Chr., wenn nicht gar schon früher) der Buddhismus auch im fernen – zumindest von Europa aus gesehen – Japan ankam, ahnte dort niemand, dass man damit ein Stück hellenisierter Kultur aus dem Kontinent importiert und infolgedessen damit begonnen hatte, nach und nach auch die Nachfahren des Hermes, des Herakles u.v.m. als Vaisravana (jap. 毘沙門天: Bishamonten), Vajrapani (jap. 執金剛神: Shukongōshin) u.v.m. zu verehren.

II. Erste Begegnungen der Japaner mit der Latinitas
Noch waren die Japaner allerdings weit davon entfernt, direkte Bekanntschaft mit der griechischen Philosophie oder gar mit der lateinischen Sprache zu knüpfen. Dies sollte sich erst im Jahr 1549 ändern: Franz Xaver (lat. Franciscus Xaverius.; portug. Francisco de Xavier), Mitbegründer des Jesuitenordens (Ordo Clericorum Regularium Societatis Jesu), landete im August jenes Jahres im Süden Japans auf der Insel Kyûshû (九州) und erntete schrittweise die Aufmerksamkeit der örtlichen Daimyo (大名, regionale Fürsten).

Das universale Humanismus-Konzept der Jesuiten
Hl. Franz Xaver
Xavers Ankunft in Japan fiel mitten in die Zeit der Gegenreformation, als noch rege und unverdrossen das Trienter Konzil (1545 - 1563) tagte. Als Speerspitze der katholischen Reformbewegung hatten seinerzeit die Jesuiten ein ihrer Ansicht nach wirksames Rezept gegen die Ausbreitung des Protestantismus formuliert: die Etablierung der humanistischen Bildung. Zwar waren auch die Protestanten genauso bildungsbeflissen und verfolgten ein ähnliches Konzept, jedoch war das Zeitalter der Globalisierung für sie noch nicht angebrochen. Ganz anders die Jesuiten: Schon damals kamen sie auf die Idee, die gesamte Welt mit ihrer Bildungskonzeption beglücken zu wollen. Das Problem war allerdings, dass nicht jede Ethnie auf Erden sofort einsehen wollte, Latein lernen oder gar sich mit der katholischen Lehre auseinandersetzen zu müssen. Die Japaner schienen da anders zu sein. In Xavers Briefen an die Ordens-Zentrale lesen wir, wie angetan er vom Bildungseifer der Einheimischen war, deren „scharfen und empfindungsreichen Verstand“ wie auch „Sittlichkeit“ und „Gespür für Ehre“ er ausdrücklich hochschätzte. Angesichts der Bildungsfreundlichkeit der Japaner fasste Xaver sogar die Idee, dort eine katholische Universität zu gründen. Dieses Ansinnen stellte sich zwar aus verschiedenen Gründen noch als schwer durchführbar heraus; aber es entstanden unter der Direktion der Jesuiten zahlreiche Collegien und Seminare, die geradezu überlaufen waren.

Der „japanische Humanismus“ als Anknüpfungspunkt für die Inkulturation
Lateinisches Schreiben eines christlichen Japaners
namens „Nakaura Julian“ 17. Jhdt.
Es ließ sich also nicht lange auf sich warten, bis manche Japaner sich im fließenden Latein mit ihren Mitmenschen auseinandersetzten. Doch woher, fragten sich die Jesuiten, kam das japanische Interesse an klassischer Bildung des Westens? Unschwer fiel ihnen die Beantwortung dieser Frage: Schnell fanden sie nämlich in ihrer Schlauheit heraus, dass es in der japanischen Bildungskonzeption bereits einen klassisch-literarischen Kanon gab, der auch die antiken chinesischen Klassiker umfasste. Die Bedeutung altsprachlichen Unterrichts war also im fernen Osten durchaus anerkannt. So kam es, dass die Jesuiten auch die humanistische Tradition des Gastlandes mit in ihr Bildungsprogramm integrierten. Diese Schulen mit erweitertem humanistischem Angebot erwiesen sich auf dem japanischen Bildungsmarkt als durchaus attraktiv. Diese erfolgversprechende Vorgehensweise nannte sich Adaptationismus – eine schlaue Methode des Anpassens: man studierte intensiv die Geschichte, Sitten, Gebräuche und Sprachen etc. des entsprechenden Landes, um sie in seine Zielsetzungen geschickt zu integrieren. Man nennt diese Strategie heutzutage gerne auch Inkulturation. Übrigens: die intensiven Studien der fernöstlichen Klassiker seitens der Jesuiten, insbesondere ihre Übertragungsarbeit der konfuzianischen Schriften ins Lateinische, sollten später in Europa nicht ohne Folgen bleiben.

Die westliche Skepsis
Die ersten diplomatischen Emissäre aus Japan
Augsburger Flugblatt, 1586
Nicht wenige in Europa betrachteten die jesuitischen Erfolgsmeldungen aus der Ferne mit skeptischem Auge: Sind nicht am Rande der Welt sowieso nur Barbaren zu finden, die man lieber nicht auf dem Wege der Bildung missionieren, sondern stattdessen einfach mit Mitteln der Gewalt versklaven sollte? Die Jesuiten wussten diesen Vorurteilen damals mit empirischen Belegen zu entgegnen: In den 1580er Jahren organisierte man eine diplomatische Mission, bei der vier japanische Jesuitenschüler als die ersten Emissäre ihres Heimatlandes fungierten und ein Freundschaftsgesuch der südjapanischen Fürsten an den Papst aushändigten (die „Tenshō-Delegation“, jap.: 天正の使節, benannt nach der Tenshō Ära , in der die Mission stattfand). Diese vier Jünglinge aus nobler Herkunft bereisten in den Jahren 1584 bis 86 europäische Gebiete (in Portugal, Spanien sowie Italien). In Rom angekommen, wurde der offizielle Vorsteher der Delegation, Mancius Itō (伊東 マンショ Itō Mansho, 1570–1612), als erster Japaner mit der römischen Ehrenbürgerwürde ausgezeichnet und zeitgleich mit der Verleihung des Titels Ritter vom Goldenen Sporn (lat. Sacri Palatii Comes et Eques auratus, i.e. Mitglied des Ordens vom Goldenen Sporn) nominell in den europäischen Adel aufgenommen.

Mit Humanismus gegen Rassismus
Anscheinend ist es durch diese Mission gelungen, in der öffentlichen Wahrnehmung Europas die vier Gäste aus dem fernen Osten als Vertreter einer (aus westlicher Sicht) gleichrangigen und gleichartigen Nation zu positionieren. In der deutschen Reichsstadt Augsburg verkündete ein Flugblatt von 1586 eine „Newe Zeyttung“ (= eine „neue Nachricht“) über die fernöstlichen Botschafter „auß der Insel Japonien“: „Alle vier aber von Natur/wie es jr Lands art mit bringt/gar Siñreiche/Hochverstendige/vnd vber die maß wolkündige Leüt/Wie an mehr ortten von jrer Nation in gemein/vnd von disen vier sonderbar geschriben wirdt.“
Die vier Jünglinge aus Japan, die fließend Latein beherrschten und darüber hinaus auch mit westlichen Musik-Noten und sonstigen Kulturformen umzugehen wussten, sollten damals der überzeugende empirische Beweis dafür sein, dass die humanistische Bildung dazu geeignet sei, in jenem Zeitalter der Globalisierung Brücken der Verständigung zwischen den unterschiedlichen Völkern zu bauen. Als Demonstration der Wirksamkeit des jesuitischen Bildungsprogramms war diese diplomatische Mission auf jeden Fall ein voller Erfolg.


Niedergang der Christen-Mission zu Beginn des 17. Jhdt.
Immerhin: Im Japan des 16. Jahrhunderts erklangen in manchen Schulstuben Sätze wie „Audite nos, sodales!“, und mit Begeisterung lernte man die Gesangswerke vom  Josquin Desprez (1450[?] - 1521) und Giovanni P. d. Palestrina (1514[?] - 1594) kennen; ferner interessierte man sich für die Streich- und Tastaturinstrumente aus Europa sowie für europäische Porträtkunst und vieles mehr. Auch im kulinarischen Bereich entstanden im Zuge der Begegnung von Ost und West neue Kreationen. Eine neue, vitale, kreative Mischkultur stand im Begriff, das Leben im Süden Japans entscheidend zu prägen. Es hätte noch viel interessanter werden können, wenn es so weiter gelaufen wäre ... Aber es kam anders.
Christenverfolgung in Japan
17. Jhdt.
Die Menschen erkannten allmählich die politische Implikation der christlichen Missionarsarbeit. Im bereits oben zitierten Augsburger Flugblatt stand nämlich ebenso auch geschrieben, die „vier Jüngling vnd Gesandten auß Japon“ hätten sich als Vertreter ihrer Heimatregion „Bäpstlicher Haylichkeit/beneben der heyligen Kirchen Gottes vnderworffen.“ Die japanischen Fürsten, Entsender dieser Botschafter, sahen die Sache ganz anders; sie wollten Kooperation, nicht Selbstunterwerfung.
Seit 1587 wurden also Gesetze erlassen, die die Missionarsarbeit entscheidend eindämmen sollten. Zu erwähnen ist auch, dass in Japan Nachrichten von der brutalen Vorgehensweise der Spanier in Lateinamerika oder auf den Philippinen wie auch von der Zuspitzung der Konflikte zwischen Spanien und den Niederlanden etc. große Besorgnisse hervorriefen. Zunächst gab es aber noch genügend Begeisterte von der Offenheit des eigenen Landes, weswegen die antimissionarischen Gesetze meist eher großzügig ausgelegt wurden. In den Jahren 1612/13 hat sich allerdings die Fraktion der Besorgten durchgesetzt, welche die Gefahr der Kolonialisierung für gegeben und die Belastungsgrenze hinsichtlich der Überfremdung für erreicht hielten. Damals zählte man in Japan etwa 650 000 Christen, darunter 150 Geistliche, 55 Regionalfürsten und 2 aus dem Hofadel – bei einer Gesamtbevölkerung von 12 Millionen. Die christianisierten Fürsten kündigten rasch ihre Unterstützungsleistung für die Kirche. Der christliche Glaube wurde illegalisiert, die Missionare wurden des Landes verwiesen, und es kam zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit den katholischen Staaten. Lediglich den protestantischen Niederländern wurde eingeschränkter Kontakt mit der japanischen Obrigkeit gestattet. Die Kultur Japans musste „gereinigt“ werden. Das ganze Land schottete sich praktisch ab – fast 250 Jahre lang.
(Fortsetzung folgt.)

Keine Kommentare:

Kommentar posten